Wie oft passiert es dir, dass du deine eigenen Bedürfnisse ignorierst, insbesondere im Kontakt mit anderen? Dann kommt der Wunsch auf, dein Gegenüber müsse doch merken, dass es gerade nicht geht, dass es dir gerade zu viel ist, dass seine Worte unpassend sind.
Doch in meinen Augen ist das der falsche Ansatz, geht es genau darum nicht.
Unsere ganze Bedürfniserfüllung scheint durcheinander geraten. Der folgende Beitrag bringt wieder Ordnung und hilft, die eigene eigenen Bedürfnisse in Beziehungen wieder wahrzunehmen.
Inhalt
Wenn Bedürfnisse wahrnehmen Angst macht
Warum wir glauben, andere müssten unsere Bedürfnisse spüren
Warum du als Erwachsene selbst für deine Bedürfnisse verantwortlich bist
Wenn offen kommunizierte Bedürfnisse verletzend wirken
Warum klar geäußerte Bedürfnisse und Wünsche ein Segen sind
3 wichtige Bausteine für einen gesunden Umgang mit Bedürfnissen
Bleibe bei dir und deinen Bedürfnissen
Welchen Bedürfnissen folgst du?
Der Unterschied zwischen Bedürfnis, Wunsch und Strategie
Warum dieses Thema so wichtig ist
Wenn Bedürfnisse wahrnehmen Angst macht
Mir wird heiß und alles in mir schnürt sich zusammen.
Ein unbezwingbar scheinender Berg türmt sich vor mir auf: Ich soll meine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und dann auch noch kommunizieren.
Ich atme tief ein und wieder aus.
Wovor habe ich solche panische Angst?
Abgelehnt zu werden, verlassen zu werden, allein dazustehen.
Der Schmerz fühlt sich überwältigend an, doch es gelingt mir, bei mir zu bleiben. Schließlich bin ich jetzt erwachsen. Kann für mich selbst sorgen. Es besteht keine Lebensgefahr.
In mir wird es wieder etwas leichter und weiter… Ich atme befreit durch.

So in etwa sieht es aus, wenn ich mich meinen inneren Mustern stelle – zum Beispiel, dem Muster, der andere müsste doch merken, was ich brauche. Leider funktioniert das nicht. Und selbst wenn, heißt es noch lange nicht, dass mein Gegenüber auch noch das liefert, was mir gerade fehlt.
Im Grunde ist mir die Aufgabe klar. Denn bei genauerer Betrachtung leuchtet ein, dass Bedürfnisse in Beziehungen so nicht funktionieren. Niemand kann sicher wissen, was ich als Erwachsene brauche, schon gar nicht, wenn ich es selbst nicht mal genau benennen kann.
Wie kommt es, dass es uns oft so schwerfällt, unsere Bedürfnisse zu erkennen und klar zu kommunizieren? Lass uns genauer hinschauen.
Warum wir glauben, andere müssten unsere Bedürfnisse spüren
Als Kleinkinder sind wir darauf angewiesen, dass unsere Eltern unsere Bedürfnisse erkennen und erfüllen. Wir können noch nicht sagen: „Mama, ich brauche jetzt Nähe“ oder „Papa, mir ist kalt.“ Wir weinen – und hoffen, dass jemand versteht.
Wenn das häufiger nicht passiert, wir nicht das bekommen, was wir brauchen oder sogar Ablehnung dafür erfahren, entwickeln wir Überlebensstrategien:
- Wir unterdrücken unsere Bedürfnisse und verstecken sie sogar vor uns selbst
- Oft empfinden wir sie als „falsch“ und versuchen, anders zu sein oder etwas anderes zu brauchen
- Selbst wenn wir sie noch wahrnehmen, äußern wir sie irgendwann sicherheitshalber nicht mehr
Doch diese unerfüllten Bedürfnisse existieren weiterhin in uns. Dort, in der Tiefe, bleibt diese alte Sehnsucht bestehen: Jemand möge doch endlich sehen, was du brauchst – auch wenn du es selbst nicht mehr merkst.

Warum du als Erwachsene selbst für deine Bedürfnisse verantwortlich bist
Die schmerzhafte Wahrheit:
Es ist nicht die Aufgabe deines Umfelds, zu spüren, was in dir vorgeht.
Stattdessen darfst du lernen:
- Deine versteckten Bedürfnisse wieder wahrzunehmen
- Sie klar zu äußern
- Für ihre Erfüllung zu sorgen
Wenn offen kommunizierte Bedürfnisse verletzend wirken
Mitten in einem Gespräch, das dir emotional wichtig ist, sagt dein Gegenüber plötzlich:
„Ich kann gerade nicht mehr. Ich brauche einen Moment für mich.“ Oder, so ist es mir schon öfter gegangen, er wechselt einfach das Thema, verlässt den Raum oder ähnliches.
Was passiert in dir?
Vermutlich fühlst du dich zurückgewiesen. Verletzt. Nicht wichtig genug.
Warum? Weil auch du als Kind nicht gelernt hast, dass Menschen ihre Bedürfnisse klar kommunizieren dürfen oder für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse einstehen, ohne dass das etwas mit deinem Wert zu tun hat.
Die Reaktion des Gegenübers triggert deine alten Wunden: Schon wieder wird mein Bedürfnis nicht erfüllt. Ich bin nicht genug.
Mehr dazu erfährst du im Artikel über das Spiegelgesetz in Beziehungen.
Warum klar geäußerte Bedürfnisse und Wünsche ein Segen sind
Möchtest du den Menschen, die du liebst, gerne ihre Wünsche erfüllen?
Ich erinnere mich an eine Situation, als mein Liebster mit seinem Sohn bei mir in der Nähe im Schwimmbad war. Aus einem inneren Impuls heraus fragte ich, ob ich vielleicht vorbeikommen soll. Die Antwort war „ja“ und er freute sich eindeutig, als ich sie dort besuchte. Allerdings hätte er den Wunsch von sich aus nicht geäußert, weil er dachte, dass ich eh keine Zeit hätte und Schwimmbäder nicht mag. Das stimmt zwar, ich mag Schwimmbäder nicht besonders, doch ich freute mich über die Möglichkeit, etwas Zeit miteinander zu verbringen und mir eine Pause zu gönnen.
Wer spricht, dem kann geholfen werden. Es kann wirklich so einfach sein.
3 wichtige Bausteine für einen gesunden Umgang mit Bedürfnissen
Die wenigsten von uns haben in der Kindheit gelernt, gut mit ihren Bedürfnissen umzugehen. Doch es ist nie zu spät, dies nachzuholen.
1. Eigene Bedürfnisse wahrnehmen und äußern
„Ich merke, ich kann gerade nichts mehr aufnehmen. Können wir morgen weiterreden?“
Das ist keine Zurückweisung. Das ist Selbstfürsorge. Und nur, wenn du für dich sorgst, kannst du wirklich für andere da sein.
2. Die Grenzen anderer respektieren
Wenn dein Partner sagt: „Ich brauche jetzt Zeit für mich“ – dann ist das kein Statement über dich, auch nicht gegen dich oder gegen die Beziehung. Es ist ein Statement über sein momentanes Bedürfnis. ODer aus deiner Perspektive: Ein NEIN für dich ist kein NEIN zum Gegenüber oder der Beziehung an sich, es ist ein Ja für dich. Wenn dein Partner zu einem geäußerten Wunsch nein sagt, ist dieses NEIN nicht gegen dich oder euch als Paar gerichtet, sondern einfach ein Ja zu sich in diesem Moment.
Lerne, es nicht persönlich zu nehmen. Lerne auszuhalten, dass der andere gerade nicht verfügbar ist. Und sorge anderweitig für dein Bedürfnis nach Nähe oder Austausch – zum Beispiel in der FreiRaum Community oder mit Freunden.
3. Den Unterschied zwischen „spüren, was der andere braucht“ und „fragen, was der andere braucht“ verinnerlichen
Ja, es gibt Menschen, die sehr gut spüren können, was in anderen vorgeht. Oft sind das Menschen, die als Kinder übersensibel werden mussten, um zu überleben.
Aber: Diese Fähigkeit ersetzt niemals die Verantwortung des anderen, sich selbst zu spüren und zu äußern. Im Gegenteil. Wenn du ständig meinst, dass du besser weißt, welches Bedürfnis dein Gegenüber gerade hat und entsprechend agierst, kann das übergriffig sein.
Im therapeutischen oder Coaching-Kontext kann es heilsam sein, wenn jemand wirklich fühlt, was in dir vorgeht. Im Alltag sollte das nicht die Grundannahme sein. Außerdem kann es auch schnell zu Enttäuschung führen, wenn du vielleicht doch daneben liegst oder der andere möglicherweise gar nicht weiß, dass er etwas, das du spürst, wirklich braucht.
Bleibe bei dir und deinen Bedürfnissen
Hier kommt noch ein weiterer Aspekt.
Wenn du ständig versuchst zu spüren, was der andere braucht, bist du nicht bei dir. Du interpretierst. Du versuchst es recht zu machen. Du bist im Kopf – nicht im Gefühl.
Um wirklich in Verbindung mit anderen zu gehen, brauchst du zuerst die Verbindung zu dir selbst:
- Was spürst du gerade?
- Was brauchst du?
- Was sind deine Werte?
Nur dann kannst du authentisch und klar in Beziehung sein. Insbesondere empfinde ich es als wichtig, die eigenen Werte klar zu kennen. Denn sehr oft verraten wir für die Erfüllung von – häufig in unerfüllten Bedürfnissen in der Kindheit wurzelnden – unsere Werte. Wir gehen faule Kompromisse ein, essen vor lauter Hunger Dinge, die uns nicht gut tun und so weiter.
Reife bedeutet auch, die eigenen Werte zu kennen und nicht für eine schnelle Bedürfnisbefriedigung zu opfern.
Welchen Bedürfnissen folgst du?
Häufig spüren wir ein Bedürfnis, zum Beispiel nach Nähe und möchten, dass unser Partner oder die Partnerin es erfüllt.
Eine Frage, die bei mir immer wieder auftaucht, ist: Wie erkenne ich, woher das Bedürfnis gerade kommt? Ist es mein großes Selbst, das da gerade seine Vision verfolgt, folge ich der Liebe oder doch nur der Angst und kindlicher Bedürftigkeit?
Es gilt, fein hinzuspüren, wer gerade am Steuer sitzt. Nicht immer geht es darum, dass im Außen jemand diese Bedürfnisse erfüllt. Gleichzeitig dürfen auch diese Bedürfnisse da sein, ist es gut, wenn wir uns darum kümmern.
Doch wenn wir ständig das Steuer unseren inneren Kindern überlassen, kann es passieren, dass wir die Ziele und Wünsche des erwachsenen Ichs gar nicht erfüllen können. Dann stecken wir in diesen alten Mustern fest.
Der Unterschied zwischen Bedürfnis, Wunsch und Strategie
Häufig entstehen auch Konflikte, weil wir in Beziehungen verschiedene Ebenen vermischen.

Bedürfnisse sind existentieller Natur, insbesondere unsere 6 emotionalen Grundbedürfnisse:
- Sicherheit
- Wachstum
- Bedeutsamkeit / Beachtung
- Liebe / Verbundenheit
- Selbstwirksamkeit / Beitragen
- Abwechslung
Das heißt, auf Dauer ist es lebensnotwendig, uns diese Bedürfnisse zu erfüllen. Bedürfnisse sind immer auch universeller Natur, sie betreffen uns alle, wenn auch in unterschiedlich starker Gewichtung.
Die Art und Weise, wie wir unsere Bedürfnisse erfüllen, nennen wir Strategien. So erfülle ich mir mein Bedürfnis nach Nähe einfach, indem ich zu meinem Partner hingehe und ihn umarme.
Da er insgesamt weniger Nähe braucht, habe ich mir aber auch eine Gruppe unabhängig von ihm gesucht, wo ich Verbundenheit und Nähe erfahren kann. So laste ich die Erfüllung von meinem Bedürfnis nicht nur meinem Partner auf.
Kinder entwickeln manchmal ungünstige Strategien, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Für mich gehört da auch teilweise Krankheit dazu. Mein älterer Sohn war während der Schulzeit ständig krank – eine unschöne Strategie, um seinem Bedürfnis nach Selbstbestimmung, Spaß, Entspannung und ähnlichem nachzukommen, was in der Schule alles nicht erfüllt wurde.
Strategien sind Dinge, die Menschen tun – sie sind also im Normalfall sichtbar im Verhalten und Tun.
Wünsche sind etwas, das Menschen haben möchten, um sich wohler zu fühlen. Wenn ich zum Beispiel Hunger habe, also das Bedürfnis nach Nahrung, kann es sein, dass ich mir eine Pizza wünsche, weil sie mir gut schmeckt. Um satt zu werden, könnte ich aber auch einfach ein Stück Brot essen, einen Salat, oder irgendetwas anderes. Wir haben meist viel mehr Wünsche als zur Erfüllung unserer Bedürfnisse notwendig wäre.
Es ist immer wichtig, zu unterscheiden, worum es gerade geht.
Das Verständnis für die dahinterliegende Bedürfnisse kann sehr zu harmonischen Beziehungen beitragen und ist insbesondere im Umgang mit Kindern essenziell.
Warum dieses Thema so wichtig ist
Bedürfnisse und die eigenen Grenzen in der Tiefe zu verstehen, ist ein Schlüssel zu Eigenverantwortung und Selbstbehauptung.
Es führt zu:
- Mehr Frieden in dir selbst
- Mehr Klarheit in Beziehungen
- Weniger Drama, weil nicht mehr alles persönlich genommen wird
Es bedeutet nicht, dass du egoistisch wirst.
Sondern es zeigt, dass du endlich aufhörst, anderen die Verantwortung für deine Gefühle zu geben – und gleichzeitig die Verantwortung für ihre Gefühle abgibst. Denn Bedürfnisse und unsere Gefühle hängen ebenfalls sehr stark zusammen.
Dein nächster Schritt
Wenn du merkst, dass du in Beziehungen immer wieder deine eigenen Bedürfnisse ignorierst oder dich zurückgewiesen fühlst, wenn andere für ihre Bedürfnisse einstehen – dann ist das ein wichtiges Zeichen.
Ein Zeichen, dass es Zeit ist, wieder in Kontakt mit dir selbst zu kommen.
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FAQ
Weil es nicht seine Aufgabe ist, deine Bedürfnisse zu erraten. Als Erwachsene bist du selbst dafür verantwortlich, deine Bedürfnisse wahrzunehmen und klar zu äußern. Dein Partner kann nicht in deinen Kopf schauen – und selbst wenn er gut spürt, bedeutet das nicht automatisch, dass er auch liefern kann oder sollte, was du gerade brauchst.
Ein Bedürfnis ist universell und existenziell – zum Beispiel das Bedürfnis nach Sicherheit, Nähe oder Wachstum. Alle Menschen haben diese Grundbedürfnisse. Ein Wunsch ist hingegen konkret und persönlich: „Ich wünsche mir, dass du mich jetzt in den Arm nimmst.“ Der Wunsch ist eine mögliche Strategie, um dein Bedürfnis nach Nähe zu erfüllen – aber nicht die einzige.
Beginne damit, auf deine Körpersignale zu achten. Wann schnürt sich etwas in dir zusammen? Wann fühlst du dich unwohl? Das sind oft Hinweise auf unerfüllte Bedürfnisse. Frage dich: „Was brauche ich gerade wirklich?“ – nicht „Was sollte ich brauchen?“ oder „Was erwartet der andere von mir?“ Es ist ein Lernprozess, der Zeit und Übung braucht.
Nein, im Gegenteil. Wenn du für deine eigenen Bedürfnisse sorgst, kannst du aus Fülle heraus für andere da sein – nicht aus Mangel oder Erwartung. Selbstfürsorge ist die Basis für gesunde Beziehungen. Egoistisch wäre es, zu erwarten, dass andere deine Bedürfnisse erfüllen, ohne dass du sie klar kommunizierst oder selbst Verantwortung übernimmst.
Atme tief durch und erinnere dich: Sein NEIN ist kein Statement gegen dich oder eure Beziehung. Es ist ein JA zu sich selbst. Nimm es nicht persönlich. Frage dich stattdessen: „Welches Bedürfnis von mir ist gerade unerfüllt?“ und „Wie kann ich selbst dafür sorgen?“ Vielleicht brauchst du in diesem Moment Nähe – die kannst du dir auch woanders holen (Freundin anrufen, Selbstfürsorge-Ritual).
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