»Und wenn ich gehe?«
Die Frage „Bleiben oder gehen?“ steht plötzlich im Raum. Es fällt mir für einen Augenblick schwer, mich auf meine Rolle zu fokussieren, während ich ein Beziehungsthema für eine Freundin aufstelle.
Im ersten Moment fühlt es sich tatsächlich erleichternd an und gleichzeitig nicht nach dem nächsten Schritt. Ich spüre weiter. Es geht eher darum, dass sie sich selbst die Erlaubnis gibt, auch diesen Schritt in Betracht zu ziehen. Das nimmt in gewisser Weise den Druck aus der aktuellen Situation.
Das kleine Beispiel aus meiner Arbeit als Beziehungscoach zeigt, wie vielschichtig dieses Thema ist. In diesem Beitrag erfährst du:
Anmerkung: Dieser Beitrag ersetzt keine psychotherapeutische Begleitung. Auch wenn Beispiele traumatischer Erfahrungen erwähnt werden, ist dieser Artikel nicht als »Traumaratgeber« zu verstehen. Die Tipps und Hinweise in diesem Beitrag richten sich an Menschen, die weitestgehend psychisch stabil sind. Bitte wende dich an entsprechende Traumatherapeuten oder psychotherapeutische Fachkräfte, wenn du weißt oder spürst, dass deine Beziehungsprobleme traumatische Ursachen haben.
Die 2 Extreme in Beziehungen
Die ganze Bandbreite der Frage „Bleiben oder Gehen“ zeigt sich, wenn wir die beiden Extrembeispiele betrachten.
Es gibt Menschen, die bei der kleinsten Unstimmigkeit eine Beziehung verlassen und nicht fähig sind, Konflikte gemeinsam zu lösen oder so starke Bindungsängste haben, dass sie nicht lange irgendwo bleiben können.
Ja, viele Menschen wären bei meiner letzten Beziehung wahrscheinlich schon nach den ersten Wochen oder spätestens 3 Monaten gegangen. Doch was wäre mir dabei an Wachstumspotential entgangen, und an gelebter Liebe?
Dann gibt es Menschen, die ewig lange in einer Beziehung verharren, auch wenn sie schon längst nicht mehr tragfähig ist, die aushalten, dulden, weil sie nicht die Kraft finden, zu gehen.
Davon kann ich nicht nur ein Lied, sondern ein kleines Album singen.
Das war lange Zeit mein Weg. Doch letztlich hat dieses „Ausharren“ zumindest in meiner Ehe dazu geführt, dass wir irgendwann beide an dem Punkt standen, wo klar war, dass es so nicht weitergeht. Dadurch war eine einvernehmliche, friedliche Trennung möglich. Wenn Kinder im Spiel sind, ist das besonders wichtig.
Die kurzen Extrem-Beispiele zeigen: Es gibt keine einfache Antwort.
Möglicherweise ist die Frage selbst schon falsch gestellt. Schauen wir uns die Ursachen an, weshalb wir in Beziehungen häufig sind, ob wir bleiben oder gehen sollen.
Der Bleiben- oder Gehen Konflikt: Die Ursachen

Die Wurzel der meisten Ursachen
Meiner Meinung und Wahrnehmung nach gibt es eine Kernursache für Unsicherheiten und Unklarheiten in Beziehungen, insbesondere in der Frage, wann es Zeit ist, zu gehen.
Diese liegt, wie so häufig, in der Kindheit bzw. noch allgemeiner in unserer Vergangenheit. In unserer heutigen Zeit und Gesellschaft haben die meisten Menschen in ihren ersten Lebensjahren einen Mangel an echter, verlässlicher Zuwendung erfahren. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig und verdienen einen eigenen Beitrag.
Dies führt zu Selbstzweifeln, mangelnder Selbstliebe und Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse klar wahrzunehmen und dafür wirklich einzustehen. Meist schwingt unbewusst die Überzeugung mit: »Ich bin es nicht wert, ich bin nicht gut genug, um geliebt zu werden.«
Manchmal entstehen oder verstärken sich diese Muster durch negative Beziehungserfahrungen im Laufe der Jahre.
Daraus entwickeln sich zwei grundsätzliche Überlebensstrategien. Beide sind keine Charakterschwäche – sie waren irgendwann sinnvoll und haben uns in der Kindheit geschützt.
Jeder Mensch hat meist beide Strategien im Repertoire, aber je nach Typ neigen wir meist stärker zu einem der beiden Wege.
Überlebensstrategie 1: Verbundenheit um jeden Preis
Die erste Überlebensstrategie ist vor allem durch Verlustangst getrieben, in der Bindungstheorie auch als verlustängstlich bzw. ängstlich-ambivalent bezeichnet. Gopal Norbert klein spricht vom sogenannten Verschmelzungstyp, was die Ausprägung dieser Überlebensstrategie sehr anschaulich beschreibt.
Der sogenannte Verschmelzungstyp hat in seiner Kindheit durchaus Zuwendung erfahren, aber nur unzuverlässig. Nachdem er von dem süßen Nektar der Zuwendung und Liebe gekostet hat, sucht er sein Leben lang danach, will diesen Zustand immer wieder herstellen. Um das zu erreichen, passt er sich an, stellt sich selbst hinten an, macht sich nützlich und sucht ständig beim Gegenüber nach Signalen, was er tun und wie er sein müsste, um Liebe zu erfahren.
Das »Ich« verschwindet dabei fast gänzlich. Die Gedanken kreisen ständig um den anderen. Eigene Bedürfnisse werden kaum noch gespürt – weil sie nie sicher gezeigt werden durften.
Meine Geschichte
Ich habe mich in dem Verschmelzungstyp sehr wiedergefunden. Wie ich auch in meinem Buch »Seelenpartner – wenn unerfüllte Sehnsucht zu tiefer Selbstliebe führt« beschreibe, habe ich in dieser Entwicklungsperiode erkannt, dass ich selbst praktisch gar nicht anwesend war.

Wenn ich als Individuum verschwinde, ist keine Beziehung möglich. Ich hatte so große Angst, den geliebten Mann wieder zu verlieren, dass ich nur auf ihn fixiert war, darauf, irgendwie von ihm geliebt zu werden.
Das hat natürlich nicht funktioniert und auf seine magische Weise hat mir mein Liebster genau das immer wieder gespiegelt. Ich konnte es beobachten: Sobald ich stärker bei mir blieb, ihn etwas mehr losließ, entstand eine Verbindung. Wenn ich an ihm zerrte, mich verbog, brach der Kontakt ab.
Diese Dynamik kann sich besonders gut dadurch entfalten, dass ein Verschmelzungstyp meist mit einem sogenannten »Autonomietyp« zusammentrifft.
Überlebensstrategie 2: Souveränität und Eigenständigkeit um jeden Preis
Der Autonomietyp hat echten Kontakt nie wirklich erfahren. Er hat die Hoffnung auf Verbindung häufig schon früh in der Kindheit aufgegeben und sich in die Autonomie gerettet – das fühlte sich sicherer an als auf Zuwendung und Unterstützung von Menschen zu hoffen. In der Bindungstheorie wird dieser Typ auch als bindungs-vermeidend oder bindungsängstlich beschrieben. Er kennt Bindung nicht als etwas, das Sicherheit und Geborgenheit schenkt, sondern, wenn überhaupt dann nur als etwas, das ihm die Freiheit raubt.
Die Überlebensstrategie, die hier entwickelt wird, lautet: »Ich sorge für mich selbst.«
Gedanken kreisen eher um sich als um den anderen. Manchmal fällt es diesem Typ schwer, überhaupt Bedürfnisse der anderen wahrzunehmen oder er kann sich gut davon abgrenzen. Er fokussiert sich einfach darauf, was er selbst braucht. Der Wunsch nach Verbindung ist nicht weg, aber tief vergraben oder wird nur so weit erfüllt, wie er die eigene Autonomie, also die Selbständigkeit, nicht gefährdet.
Echte Nähe löst Alarm aus. Auch scheinbar starke, unabhängige Menschen, die andere retten oder helfen wollen, können dahinter eine tiefe Sehnsucht nach Liebe verbergen. Das Helfersyndrom ist oft die Autonomie-Variante des Klammerns – nur eleganter verpackt. Der Autonomietyp bleibt unabhängig, doch indem er anderen hilft, kann er Verbindung erleben – ohne seine Souveränität zu verlieren.
Eine kleine Anekdote hierzu: Mein Liebster hat schon in seiner Kindheit erkannt, dass seine Mutter überlastet war und angefangen, seine Wäsche selbst zu waschen. Dieses Muster ist noch immer aktiv, selbst wenn er dafür nur eine halbe Ladung in die Waschmaschine packt. Indem er seinen Haushaltskram allein erledigt, bewahrt er sich seine Autonomie.
Die Synergie der Liebe
Wie schon kurz erwähnt, finden sich diese beiden Typen im Leben auffällig häufig zusammen – und das ist kein Zufall. Die Anziehung ist geradezu magnetisch, weil beide unbewusst genau das suchen, was der andere zu verkörpern scheint.
Der Verschmelzungstyp erlebt den Autonomietyp als aufregend, unabhängig, stark – jemand, der nicht klammert, der Raum lässt und für sich selbst sorgt. Genau das, was er nicht kann. Der Autonomietyp wiederum erlebt den Verschmelzungstyp als warm, zugewandt, verlässlich präsent – jemand, der Wärme gibt und sich kümmert, ohne dass er aktiv darum bitten müsste.
Genau das ist der Schlüssel: Er muss nicht fragen. Der Verschmelzungstyp kommt von alleine auf ihn zu. Das ist für den Autonomietyp die einzig „sichere“ Form, Zuwendung zu bekommen – passiv empfangen, ohne sich verletzlich zeigen zu müssen, ohne etwas einfordern zu müssen, was er nie gelernt hat, einzufordern.
Solange es auf dieser Ebene bleibt, ist es angenehm. Die Wärme tut gut. Aber sobald der Verschmelzungstyp anfängt, Gegenseitigkeit einzufordern, echte emotionale Präsenz zu wollen – wird es bedrohlich. Dann zieht der Autonomietyp sich zurück. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sein System nicht gelernt hat, dass man Nähe auch aktiv erwidern kann, ohne sich dabei zu verlieren.
Was beide meist nicht sehen: Sie spiegeln sich gegenseitig genau die Wunde, die noch nicht geheilt ist. Der Verschmelzungstyp bekommt wieder jemanden, der sich rar macht und schwer greifbar ist – vertraut aus der Kindheit. Der Autonomietyp erhält wieder jemanden, dessen emotionale Erwartungen sein System überfordern – nicht, weil er zu viel davon kennt, sondern weil er zu wenig davon kennt, um damit umgehen zu können. Das klassische Annäherungs-Rückzugs-Muster –On-Off– entsteht, und beide fragen sich irgendwann verzweifelt: Warum passiert das immer wieder?
Dann beginnt die Gedankenschleife: Wann ist es Zeit, zu gehen?
Die Chance, die darin steckt:
Wenn beide bereit sind, hinzuschauen, bietet diese Konstellation die Möglichkeit, das nachzuholen, was in der Kindheit gefehlt hat. Der Verschmelzungstyp kann lernen, bei sich zu bleiben, auch wenn der andere Abstand nimmt. Der Autonomietyp kann lernen, dass Nähe nicht verschlingt, dass er Wärme auch aktiv erwidern kann, ohne sich zu verlieren.
Das setzt voraus, dass beide bereit sind, miteinander zu wachsen.

Fazit zu den Wurzeln:
Die meisten Menschen kennen beide Impulse in sich. Entscheidend ist daher nicht unbedingt die Frage, welchem Typ man „angehört“, sondern: Welches Muster übernimmt gerade die Führung – und warum?
Bei beiden fehlt letztlich der echte Kontakt zu sich selbst. Der Verschmelzungstyp weiß nicht, was er braucht.
Der Autonomietyp hat verdrängt, dass er etwas braucht. Solange das so ist, trifft man keine Entscheidung aus Klarheit – sondern aus Angst.
Entweder bleibt man aus Verlustangst. Oder man geht aus Bindungsangst. Beides ist kein freier Entschluss, was die Frage »bleiben oder gehen« so schwierig macht.
Wie sich Klarheit einstellt: der Weg nach innen
Gut. Du kennst jetzt die wichtigsten Ursachen für tiefe Unklarheit in Beziehungen.
Wie kommst du weiter, wenn du dich an der einen oder anderen Stelle wiedergefunden hast?
Wichtig: Falls du auch deinen Partner oder deine Partnerin wiederentdeckt hast – das ist schön und natürlich kannst du davon erzählen. Aber bleibe erst mal bei dir, schau bei DIR genau hin. Das ist der Schlüssel.
Es gibt einen Basisprozess, mit dem du die meisten Trigger gut für dich wahrnehmen und integrieren kannst. Diesen findest du in meiner kostenlosen Anleitung: »Schluss mit Erwartungsdruck«.
Für das Thema »Bleiben oder gehen« möchte ich auf ein paar spezielle Punkte eingehen.
Gefühlschaos verhindert Klarheit
Es gibt einen Aspekt, der diese Frage so schwierig macht.
- In deinem gesamten System haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Dinge miteinander verwoben.
- Vermutlich bist du sehr feinfühlig und spürst auch die leiseste Unstimmigkeit in Beziehungen.
- Aufgrund schmerzhafter Erfahrungen in der Vergangenheit lösen diese Unstimmigkeiten in dir das Gefühl einer echten Bedrohung, bis hin zu Lebensgefahr, aus.
- Die Verknüpfung von Unstimmigkeiten in Beziehungen mit schmerzhaften Erfahrungen hat zu einer emotionalen Kopplung geführt, einer Art Konditionierung, durch die in deinem Nervensystem nun jedes Mal, wenn du eine Unstimmigkeit spürst, eine schmerzhafte Emotion ausgelöst wird (Trauer, Frust, Einsamkeit)
Durch diese Vermischung, die sich tief in deine Zellen eingenistet hat, fällt es dir schwer, sachlich zu erkennen, ob es sich um eine lebensbedrohliche Gefahr handelt oder einfach nur einen Konflikt, der lösbar ist. Du fühlst dich handlungsunfähig und ohnmächtig, wie ein kleines Kind, das von der Zuwendung durch erwachsene Bezugspersonen abhängig ist.
Der erste und wichtigste Schritt für deine Klarheit ist also, dieses Durcheinander in dir wieder zu entknoten.

Das Gefühlschaos entwirren
Folgende Schritte helfen mir bei der Entwirrung:
Ich spüre genau in das Gefühl hinein, nehme es bewusst wahr.
Dann stelle ich mir eine Skala – Frage:
Auf einer Skala von 0 (gar nicht) bis 10 (voll, zu 100 %) – wie sehr empfinde ich es als lebensgefährlich, wenn … (Beispiele:)
- Mein Partner mich verlassen würde
- Ich wieder alleine dastehe
- Mein Partner mich bei den Hausarbeiten nicht unterstützt
- … dein Thema, das dich emotional am meisten trifft.
Meist spüre ich in solchen Situationen einen Wert zwischen 5 und 10. Dann mache ich mir erst einmal rein mental klar, dass hier keine echte Lebensgefahr besteht. Denn als Erwachsene bin ich nicht mehr von einem speziellen Partner abhängig. Nie. Schon gar nicht in unserem Sozialsystem, wie wir es in Deutschland haben.
Das hilft mir bereits, etwas mehr Klarheit zu bekommen. Wenn das unangenehme Gefühl nicht besser wird, braucht es manchmal tiefere Unterstützung, wie ich sie beispielsweise mit energetischen Aufstellungen biete.
Klarheit entsteht oft nicht im stillen Kämmerlein – manchmal braucht es zusätzlich zu dieser Frage die offene Konfrontation in der Beziehung selbst. Erst wenn du deine eigene Wahrheit aussprichst – ruhig, klar, ohne Anklage – zeigt sich, ob echter Kontakt möglich ist. Oder dein Gegenüber gibt dir mit seiner Reaktion einen klaren Hinweis, der dir zeigt, worum es in der Tiefe geht. Die Angst vor dem Gespräch ist oft größer als die Situation selbst. Doch Schweigen und Verdrängen erhält alte Muster am Leben.
Ein Beispiel
Kürzlich hatte ich eine ziemlich heftige Auseinandersetzung mit meinem Liebsten. Es ging um grundsätzliche organisatorische Fragen mit seinem Sohn. Am Abend hatte es ziemlich geknallt und nach einer halb durchwachten Nacht suchte ich am nächsten Morgen noch mal das Gespräch.
Aber ich schien wieder an eine Mauer zu prallen. Ich wurde immer frustrierter, schaffte es aber, über mich zu sprechen. Dabei hörte ich mich selbst sprechen und schließlich machte es klick – bei dem Satz: »Ich will dich doch nur verstehen, weil ich mich so orientierungslos fühle.« In dem Moment erkannte ich, dass ich bei ihm Orientierung suchte für Dinge, die ich selbst finden und entscheiden kann. Ich wollte mich absichern, statt für mich klar zu werden, wie ich die Situation handhaben könnte. Als ich das erkannte, entstand Frieden in mir.
Wenn ich jetzt wieder im Alltag an dieses Thema stoße, erinnere ich mich daran, dass ich für mich entscheiden kann, wie ich es haben will. Falls es ihn betrifft, kann ich das dann kommunizieren. Meist jedoch reicht es, wenn ich einfach danach handle.
Grundlegende Fragen zur Beziehungsqualität
Neben diesen inneren Fragen empfiehlt es sich, dass du auch folgende grundsätzlichen Dinge für dich klärst:
- Ist der Konflikt, um den es gerade geht, eine Ausnahmesituation?
- Was überwiegt insgesamt in deiner Beziehung – schöne, tiefe, verbundene Momente oder Streit, Misstrauen, Stress?
- Wirst du von deinem Partner grundsätzlich anerkannt und angenommen, so, wie du bist?
- Ist es möglich, im Rahmen der Beziehung bei dir zu bleiben, deine Muster anzuschauen, hast du den Raum dafür?
- Spürst du in dieser Beziehung noch Entwicklungspotential oder ist die Verbindung nur noch nostalgischer Natur?
Es ist wichtig, auch dabei genau hinzuschauen. Schließlich gibt es sogenannte „Red Flags“ – also die Rote Fahne, wann du schnellstmöglich gehen oder zumindest therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen solltest:
Die Red Flags – wann Gehen notwendig ist
Die folgenden beispielhaften Punkte sind Anzeichen, wann gehen dringend anzuraten ist:
- Ist Gewalt im Spiel – verbal oder physisch?
- Sind Alkohol oder Drogen im Spiel?
- Werden dir ständig Worte im Mund verdreht bzw. sogenanntes „Gaslighting“, wo dir deine eigene Wahrnehmung systematisch abgesprochen wird?
- Gibt es Formen emotionaler Erpressung, wo du systematisch für die Emotionen des anderen verantwortlich gemacht wirst?
- Wirst du stark bevormundet oder in deiner Freiheit eingeschränkt?
- Hast du das Gefühl, dass es im Kontakt einfach nicht möglich ist, bei dir zu bleiben, für deine Bedürfnisse einzustehen, weil du ernsthaft schwerwiegende Reaktionen befürchtest?
All das sind Signale, dass du die Beziehung schnellstmöglich beenden solltest.
Such dir hierfür unbedingt fachkundige Begleitung, wenn du das Gefühl hast, nicht gehen zu können. Denn hier sind oft toxische Abhängigkeiten im Spiel, die es schwer machen, eine Beziehung zu beenden.
Sonderfall wirtschaftliche Abhängigkeit
Ein besonderer Fall sind wirtschaftliche Abhängigkeiten.
Vielleicht denkst du dir, dass du längst weg wärst, aber leider wirtschaftlich abhängig von deinem Partner oder der Partnerin bist. Das ist gar nicht so selten.
Wie lässt sich das lösen?
Es gibt hierfür kein einfaches Patentrezept.

Trotzdem ist es häufig so, dass es meist mehr Wege gibt, als du im ersten Moment glaubst. Oft kannst du sie einfach im ersten Moment nicht sehen.
Ich habe mich beispielsweise von meinem Mann getrennt, als ich wirtschaftlich in der ungünstigsten Situation war, die ich bis dahin in meinem Leben hatte. Vorher konnte ich es emotional einfach nicht. Ja, zugegeben, die Trennung hatte für uns beide wirtschaftliche Nachteile und auch mein Mann hatte daran zu knabbern. Wir haben versucht, so gut es geht Wege zu finden, dass es für uns beide machbar war und ist. Während des Trennungsprozesses habe ich darauf geachtet, dass es für mich realisierbar und fair ist, aber auch, dass der Vater meiner Kinder handlungsfähig bleibt und ich nicht mehr einfordere, als für ihn akzeptabel ist.
Für mich habe ich neue Einkommensquellen erschlossen und damit auch ganz neue Erfahrungen gemacht.
Meine dringende Empfehlung: Wenn du nicht sofort gehen kannst, fang an, deine inneren Themen zu lösen. Denn die Abhängigkeit ist oft nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine emotionale.
Die wirtschaftlichen Verquickungen sind häufig nur ein Zeichen der inneren Verwicklungen und Ängste. Gleichzeitig kannst du schauen, wie du wirtschaftlich unabhängiger wirst und was dich daran hindert, auf eigenen Füßen zu stehen. All das stärkt dich – egal wohin der Weg führt.
Insofern gilt: Wenn du es nicht schaffst, zu gehen, dann löse so lange deine Themen, bis du klar bist – entweder, dass die Beziehung ausgedient hat, du dich wohl fühlst oder dass sich etwas Grundlegendes geändert hat.
Wer anfängt, wirklich hinzuschauen, der braucht die Entscheidung manchmal gar nicht zu forcieren. Sie entsteht von selbst, aus Klarheit statt aus Schmerz.
Bleiben oder gehen – der Kern des Dilemmas
Vorausgesetzt, es besteht keine akute Gefahr für deine körperliche oder seelische Gesundheit, kommt hier der Clou: Im Grunde ist es egal, ob du bleibst oder gehst.
Das Lösen all der Muster, die in deiner Beziehung in Form von Streit, Verletzungen, Verrat und anderem auftauchen, ist der Kern des ganzen Prozesses.
Denn wer seine Muster nicht löst, landet beim nächsten Partner oder der nächsten Partnerin wieder in derselben Dynamik. Meist wird es sogar schlimmer. Das habe ich ausgiebig in meinem Leben erfahren und es bestätigt sich in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen.
Ähnliche Mechanismen sind im Gange, wenn – in extremen Ausprägungen – Frauen immer wieder an gewalttätige Partner geraten oder Männer immer wieder Frauen anziehen, die sie betrügen. Solche Fälle basieren meist auf starken traumatischen Erfahrungen. Wer in solchen Situationen steckt oder traumatische Erlebnisse aufdeckt, sollte sich unbedingt therapeutische Unterstützung holen.
Unabhängig davon, ob es sich um traumatische Erfahrungen oder weniger extreme schmerzhafte Erlebnisse handelt – das Grundprinzip bleibt gleich: Das Muster wiederholt sich, bis es gelöst wurde.
Der Mechanismus dahinter ist neurologisch erklärbar: Das Gehirn interpretiert „vertraut“ unbewusst als „sicher“ – selbst wenn es objektiv das Gegenteil ist und das Vertraute uns schadet.
Generationsübergreifende Muster
Studien zur intergenerationalen Weitergabe von Bindungsmustern zeigen, dass unsichere Bindungsmuster sich nicht nur im eigenen Leben wiederholen, sondern sogar auf die nächste Generation übertragen werden. Es wurden deutliche Zusammenhänge zwischen dem Bindungstyp der Eltern und dem späteren Bindungstyp der Kinder nachgewiesen.
Insofern tust du auch deinen Kindern, so du welche hast, einen Gefallen, wenn du deine eigenen Muster löst. Und möglicherweise trägst du auch noch Themen deiner Eltern mit dir.
Wenn Beziehungen sich erfüllt haben
Nicht jede Trennung, jeder Abschied von einem geliebten Menschen ist ein Zeichen für eine tiefe eigene Wunde. Manche Erfahrungen sind einfach das Leben.
- Ein Partner, der stirbt.
- Eine Liebe, die sich auseinander entwickelt, weil Menschen sich verändern.
- Eine Begegnung, die tief berührt und trotzdem endet – nicht weil einer von beiden „defekt“ ist, sondern weil die Zeit dafür einfach nicht stimmt oder die Begegnung allein das Geschenk war.
Es kommt immer darauf an, was eine solche Situation in dir auslöst. Der Tod oder allgemein die Trennung von einem geliebten Menschen sind immer schmerzhaft – egal, was für eine Kindheit wir hatten. Das ist menschlich, das ist die Natur dieses irdischen Lebens.
Die Frage ist nur: Wie gut kannst du damit umgehen? Kannst du gut für dich sorgen und die richtigen Schritte gehen, wenn du spürst, dass sich eine Beziehung erfüllt hat?
Darum geht es.
Beziehungserfahrungen als Wachstumsimpuls
Auch wenn ich ein großer Fan der Frage »Was spiegelt mir das?« bin, geht es nicht immer nur darum. Manchmal bringt dich auch die Frage »Was öffnet mir das?« weiter, es klingt vielleicht weniger nach »da ist etwas falsch oder kaputt in mir, das mir gespiegelt werden muss« sondern mehr nach: Ich bin gut, wie ich bin und entwickle mich immer weiter.
Denn selbst wenn jemand keine tiefen Wunden hat – eine schmerzliche Beziehungserfahrung kann trotzdem etwas vertiefen, reifen lassen, öffnen – als Wachstumsimpuls.
Nicht jede unangenehme Emotion bedeutet gleich, dass etwas falsch läuft oder geheilt werden muss.
Ein gewisser Schmerz ist manchmal der Preis für echte Verbindung. Für das Wagnis, sich wirklich einzulassen, sein Herz weit zu öffnen und ein Stück seines Weges mit einem anderen Menschen zu gehen. Dafür müssen wir uns in gewisser Weise dem Risiko stellen, enttäuscht, verletzt oder auch verlassen zu werden. Denn jede noch so wunderbare Beziehung ist dem Wandel der Zeit unterlegen…
Mein persönliches Fazit: Es lohnt sich so sehr, jede einzelne Begegnung. Und wenn sich eine Beziehung erfüllt hat, wird Raum, für eine neue. Auch wenn jeder Mensch einzigartig und in diesem Sinne unersetzbar ist, gibt es doch gleichzeitig so viele wundervolle Seelen auf dieser Welt, dass wir nie einsam sein müssen.
Lass mich dir zum Abschluss eine Frage mitgeben:
Was würde sich in dir lösen, wenn du aufhörst, die Frage »Bleiben oder gehen?« zu stellen – und stattdessen anfängst, dir die Frage zu beantworten: »Was zeigt mir diese Beziehung gerade über mich?«
Und wenn du dir in irgendeiner Form Begleitung dabei wünschst, freue ich mich, von dir zu hören.
Hier findest du den Link zu meinem Terminkalender. Du kannst dir einfach ein unverbindliches Beratungsgespräch buchen und wir schauen gemeinsam, wo du gerade stehst und was dich weiter bringen würde. Ich freue mich auf dich.
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